Seite 115 | Kapitel 2

Die FlÜchtlingskrise: Bruch mit der Kanzlerin

Es sollte eigentlich ein Ausflug in die gute alte Zeit werden, als Horst Seehofer im Gasthof Stechl vor seine Parteifreunde tritt. Eben hat er an der Gruft in Rott am Inn einen Kranz niedergelegt und einige staatstragende Worte gesagt. Jetzt will die CSU den 100. Geburtstag ihres großen Idols Franz Josef Strauß feiern, jenes letzten bayerischen Monarchen, dieser weißblauen Provokation, skandalumwittert, wortmächtig, weithin  efürchtet.Doch dieser Sonntag, der 6. September 2015, ist aus ganz anderen Gründen ein historisches Datum.

Zwei Tage zuvor, in der Nacht zum Samstag, hat Kanzlerin Angela Merkel entschieden, die deutschen Grenzen für die Flüchtlinge zu öffnen, die auf der Westbalkanroute auf dem Weg nach Deutschland feststeckten. Die Lage in Ungarn hatte sich dramatisch zugespitzt,  ausende Migranten irrten zwischen Bahnhöfen, Autobahnen und Grenzzäunen hin und her, Merkel sah die Bilder am Fernsehschirm. Die Kanzlerin telefonierte mit Österreichs Kanzler Werner Faymann, beide waren sich einig, nicht auf die Regeln von Dublin zu bestehen, wonach sie die Flüchtlinge hätten zurückschicken können, sondern die Grenzen zu öffnen. »Wir haben damit ein Stück weit auch die Ehre Europas gerettet«, wird Merkel später ihre Entscheidung verteidigen. »In zehn Jahren wird man sagen, wir haben etwas Historisches erreicht«, sagt sie Seehofer.

Seehofer sieht das anders, ganz anders. Er hält die Grenzöffnung an jenem Septembertag für einen epochalen Fehler.