Seite 17 | Kapitel 1

Die letzten Stufen

Horst Seehofer ist mit der Seilbahn hochgeschwebt zum Mauerrest bei Mutianyu, dann mehrere Treppen gestiegen, jetzt steht er wenige Meter unterhalb der Chinesischen Mauer und denkt
gar nicht daran, die letzten Stufen hinaufzugehen. Er setzt sich auf eine Bank an einem Aussichtspunkt. In ein paar Metern Entfernung halten erst eine Arbeitsbrigade der Armee und dann ein Online-Unternehmen ein Motivationstraining ab. Scharfe Rufe der Soldaten und laute Popmusik wehen herüber. Seehofer sagt: »Hier ist der beste Blick.«

Die Journalisten und Fotografen, die ihn auf seiner Reise durch China begleiten, wollen es nicht glauben, ihre schöne Geschichte vom CSU-Chef auf der Mauer droht zu platzen. Warum gehen Sie nicht auf die Mauer?«, betteln sie. Seehofer schnippt zurück. »Auf Befehl geht bei mir gar nichts.«

Die Journalisten versuchen, ihn bei der Ehre zu packen. Es gebe im Chinesischen ein Sprichwort, sagen sie, »Wer nicht auf der Mauer war, der ist kein Mann.« Am nächsten Tag ist Seehofers Mauerverweigerung überall groß in der bayerischen Presse. Seehofer, Mitte 60, kann über diese Berichte sogar froh sein, denn die Wahrheit bleibt an diesem Sonntag Ende November 2014 verborgen. Bayerns Ministerpräsident ist einfach groggy. Schon für Jüngere ist der Weg hoch zur Mauer kein Spaziergang, zumal nach fünf strapaziösen Tagen in China. Unbemerkt von den Fotografen hat sich Seehofer auf dem Weg zur Seilbahn und dann beim weiteren Aufstieg mehrmals zurückfallen lassen. Immer wieder macht er Verschnaufpausen und hält sich am Geländer fest. Damit sich niemand wundert, tut er so, als würde er die Landschaft betrachten. Dabei stehen in Seehofers Blickfeld nur ein paar kahle Bäume. Beamte der Staatskanzlei schirmen ihn ab, der Leibwächter steckt ihm heimlich einen Schokoriegel zu, Seehofer schlingt ihn herunter.

Seehofer befürchtet, dass er wie ein alter Mann aussieht, wenn er sich die letzten paar Stufen zur Mauer hochschleppt. Er will keine Schwäche zeigen. Lieber wirkt er unsympathisch und bockig. Der bayerische Ministerpräsident sucht einen Ausweg aus der Politik, einen Abschied mit Würde. Er hat selbst erklärt, wann er aufhören will: 2018 soll Schluss sein. Der CSU-Chef weiß, dass er in absehbarer Zeit Macht abgeben muss, doch er ist gefangen in einem Bild, das er in den vergangenen Jahrzehnten selbst von sich geprägt hat. ..